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Die Technische Marktanalyse bietet Tradern eine Vielzahl mehr oder weniger leistungsstarker Indikatoren, die meist standardmäßig von jeder gängigen Börsensoftware beherrscht werden. Am bekanntesten sind dabei gleitende Durchschnitte (englisch: Moving Average), die zum einen als eigenständige Indikation für die Verfassung des Marktes dienen und zum anderen Grundlage verschiedener weiterer Indikatoren sind. Gleitende Durchschnitte verstehen sich –wie sollte es anders sein – als Trendfolgeindikatoren. Ihre Berechnung ist dabei entsprechend trivial: Für ein (prinzipiell beliebiges) Zeitintervall wird der durchschnittliche Kurs eines Marktes berechnet. Mit jedem neu angebrochenen Zeiteinheit wird dabei der am weitesten zurückliegende Kurs aus der Berechnung eliminiert. In den meisten Chartingprogrammen werden standardmäßig die 30- und die 200-Tage-Linie angeboten, wobei eine Adjustierung der Intervalle möglich ist. Die Interpretation eines gleitenden Durchschnitts ist dabei gemäß der Klassifikation als Trendfolgeindikator einfach: Kreuzt der Markt die Linie von unten nach oben, wird dies als Longsignal interpretiert, durchbricht der Kurs hingegen die Linie von oben nach unten, versteht sich dies als Verkaufssignal.

Gleitende Durchschnitte lassen sich einfach definieren: Der einfache Durchschnitt ist das linear gewichtete Mittel der Kurse eines bestimmten Betrachtungszeitraumes. Chartapplikationen bezeichnen den Indikator in Anlehnung an den englischen Sprachgebrauch auch als „Simple Moving Average“ (SMA). Der Verlauf der Durchschnittslinie ist abhängig von der Länge des Betrachtungszeitraumes: Je großzügiger dieser ausfällt, desto träger reagiert der SMA auf Bewegungen des Marktes. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wer als Einstiegssignal ausschließlich einen einfachen gleitenden Durchschnitt nutzt, steigt bei einem langen Berechnungszeitraum erst in einem relativ späten Stadium eines Marktimpulses ein. Entsprechend spät generiert der SMA auch ein Ausstiegssignal. Nicht unproblematisch bei der Betrachtung des SMAs ist dabei der Umstand, dass ein möglicherweise viele Monate zurückliegender Kurs denselben Einfluss auf die Indikatorentwicklung hat wie aktuelle Geschehnisse.

Wer näher an der Entwicklung des Marktes sein möchte, ist gut beraten, die Gewichtung des Durchschnitts zu adjustieren. Dabei stehen grundsätzlich zwei Varianten zur Auswahl: Der gewichtete gleitende Durchschnitt versieht die einzelnen Kursdaten mit Gewichtungsfaktoren, die arithmetisch abnehmend sind und dadurch den jüngeren Kursen größeren Einfluss auf den Wert des Indikators geben als weiter zurückliegenden Kursereignissen. Die Ergebnisse eines gewichteten Durchschnitts reagieren damit deutlich schneller auf Marktimpulse als der Standardvariante.

Noch näher an den Geschehnissen sind exponentiell gewichtete Durchschnitte: Die Gewichtung der Kursdaten erfolgt hier mit exponentiellen abnehmenden Faktoren, so dass weiter zurückliegenden Kursdaten ein nur geringer Einfluss auf den Indikatorwert zukommt. Exponentiell gewichtete gleitende Durchschnitte reagieren entsprechend schnell auf Veränderungen des Marktes.

Trader sehen sich bei der Adjustierung gleitender Durchschnitte einem Zielkonflikt ausgesetzt: Je sensitiver der Indikator auf eine Veränderung des Marktkurses reagiert, desto höher ist – zumindest tendenziell – auch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dem Ausschlag nicht um einen tatsächlichen Trend handelt, sondern um eine andere und nicht aussagekräftige Bewegung. Ein Indikator, der sehr stark auf eine Kursbewegung reagiert, führt das Prinzip des Trendfolgeansatzes dabei ad absurdum. Umgekehrt bergen sehr breit aufgestellte Durchschnitte das Risiko eines zu späten Einstiegs, der im schlimmsten Fall zum Zeitpunkt einer einsetzenden Korrektur des Markttrends erfolgt.

Insbesondere als ausschließliches Analyseinstrument erscheinen gleitende Durchschnitte – egal welcher Prägung – nicht geeignet. In der Trading-Praxis ergibt sich dabei (insbesondere bei einfachen Durchschnitten mit langer Reaktionszeit) ein gravierendes Problem: Fallende Kurse finden in der Berechnung ein ebenso großes Gewicht wie steigende Notierungen. Da Märkte erfahrungsgemäß allerdings deutlich schneller fallen als sie steigen, wird das Ausstiegssignal bzw. das Shortsignal viel zu spät generiert.

Der Sinn des Einsatzes gleitender Durchschnitte darf – zumindest im Hinblick auf den Handel im Währungsmarkt, der mit einem Finanzhebel verbunden und sehr schnelllebig ist – bezweifelt werden. Die Schwäche im Zusammenhang mit der Konstruktionsweise wurde bereits erläutert. Die unzureichende Prognosequalität wurde darüber hinaus in unterschiedlichen Backtests belegt: Die Kombination aus Trefferquote und Gewinn-Verlust-Profil der im Rahmen eines Durchschnittssignals eröffneten Positionen konnte dabei nicht überzeugen.

Das große Interesse, das gleitenden Durchschnitten seitens aktiver Anleger immer wieder zukommt, dürfte mehr der starken Präsenz der Indikatoren in der einschlägigen Fachliteratur denn tatsächlicher Vorteile im Trading-Alltag geschuldet sein. Im langfristigen Investmentbereich können die Werkzeuge zwar zumindest eine Orientierungshilfe bei der Suche nach einem geeigneten Einstiegszeitpunkt geben. Im schnellen Forex-Geschäft sind gleitende Durchschnitte allerdings fehl am Platz.